vom heiligen Petrus Nolaskus

Aus: Jürgen Schmidt-Pohl ( Herausgeber )

Strahlungen in dunkler Zeit

http://www.pohlit-verlag.de/

  1. Auflage 2003 ISBN 3-94406-05-X

Seite 155 ff. (zur Seite 147 ff. GEHT ES HIER LANG)


1980, im September.

Es ist kaum zu glauben, was ich von meinem Zellenkameraden erfahre: Es gibt einen heiligen Petrus Nolaskus. Die katholische Kirche gedenkt seiner am ersten Weihnachtsfeiertag, am 25. Dezember. Der heilige Petrus Nolaskus hat im Jahre 1230 all seine Habe verkauft. Mit dem Geld ist er auf den nächstgelegenen arabischen Sklavenmarkt gegangen. Dort hat er fünfhundert ihm völlig unbekannte Christensklaven gekauft und ihnen die Freiheit geschenkt. Damit war natürlich all sein Vermögen hinüber. Deshalb hat er einen Orden gegründet, den „Orden der heiligen Jungfrau und Gottesmutter Maria von der Loskaufung der Gefangenen“. Mit nichts weiter hat er sich beschäftigt als damit. Bis zum Ende seines Lebens hat er das betrieben. Sein König, der König Jakob von Aragon, hat ihn tatkräftig unterstützt. Wieviel Geld aus der Staatskasse mag da draufgegangen sein?

Natürlich hat der heilige Petrus Nolaskus auch Gegner. Das kommt, weil sein Geschäft im Geheimen abläuft, unter dem Siegel der Verschwiegenheit. Es gibt Leute, die sagen: „Heimlichkeiten sind Schlechtigkeiten.“ Es gibt Leute, die sagen: „Der heilige Petrus Nolaskus beschäftigt sich ja mit miesem Sklavenhandel. Heilige haben da ihre Finger von zu lassen.“ Es gibt Leute, die sagen: „Wenn der heilige Petrus Nolaskus nicht immer wieder die Sklaven freikaufen würde, würden die Seeräuber keine Sklaven mehr fangen. Der heilige Petrus Nolaskus ist ja mittlerweile ein fester Posten in ihrem dicken Buch der Einnahmen.“ Ja, solche Leute gibt es im christlichen Abendland. Außerhalb des christlichen Abendlandes gibt es noch ganz andere Leute. Einer der großen islamischen Geistlichen hat geschrieben, daß die meisten Christensklaven schon lange im Islam unterwiesen sein könnten. Sie weigern sich aber Allah zu dienen und sagen, dafür würden sie im Himmel einen königlichen Lohn bekommen. Das jedoch sei gelogen. Ihre Hoffnung wäre gar nicht im Himmel begründet, sondern auf Erden: im Geldbeutel eines gewissen Mönches Petrus am Hofe des Königs Jakob in Barcelona. Ja, alle diese Leute gibt es. Und es gibt einen heiligen Petrus Nolaskus, der klingelt bereits mit den Silberlingen.

Worum geht es? Es geht um die Staatsbürgerschaft der DDR. Genauer beschreibt das ein Professor an der Universität der Kommunisten in Jena. Er hat einen Lehrstuhl für die Vorschriften der Staatsangehörigkeit inne. Er hält dort Vorlesungen und schreibt Lehrbücher. Eines heißt „Staatsrecht“. In diesem hat der Professor geschrieben:

„Auswanderung ist das typische Produkt der Krisenwirtschaft kapitalistischer Staaten, … Die entsprechende Menschenrechtskonvention ermöglicht die Auswanderung … und verweist dabei vor allem auf die Verantwortung für den Schutz der … Gesundheit und Moral… (Art. 12). Diese Kriterien sind für die Deutsche Demokratische Republik maßgebend. Sie kann davon ausgehen, dass die sozialistischen Gesellschaftsverhältnisse den Menschen erstmals beständig soziale Sicherheit, freie und ungehinderte Persönlichkeitsentfaltung gewährleisten. In der Deutschen Demokratischen Republik gibt es keine soziale Basis für ein Grundrecht auf Auswanderung. Die … moralische Verantwortung für jeden Bürger … stellt in Rechnung, dass die Auswanderung in einen imperialistischen Staat bedeutet, Menschen einem System auszuliefern, das sie ausbeutet …. ihre Existenz gefährdet….“

Die Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik, nun ja, der Professor ist in dieser Sache ja nicht ganz so starr, wie er tut. Er ist für drei Argumente sehr zugänglich – Geld, Geld, Geld!

90.487,- Deutsche Mark bietet ein Westberliner Anwaltsbüro im Auftrag der Bundesregierung für meine Freilassung in den Westen. Westgeld, versteht sich. Kommunisten reagieren nur auf Westgeld. Ein Ostberliner Verhandlungsbüro ist die hiesige Zentrale für das geheime Geschäft. Der Leiter des Ostberliner Büros heißt Dr. Vogel. Er hat von den Räubern die Lizenz zum Menschenverkauf und niemand anderes sonst. Ein junges Brautpaar hat er einmal so intensiv betreut, wie sonst nie jemanden wieder. Schluchzend kam die gutaussehende junge Frau zu ihm um Hilfe: Nach dem Westen wollte sie mit ihrem Bräutigam und nun war er verhaftet worden. Der Herr Vogel hatte die Lösung: Dem Mann wurde in den Westen geholfen. Die gutaussehende junge Frau hat dann der Herr Vogel geheiratet. Frau Vogel fährt jetzt in einem dunklen Mercedes auf den Straßen der DDR. Frau Vogel ist reich. Familie Vogel residiert in einer Traumvilla in Ostberlin mit schwedischen Stilmöbeln. Nein, der Herr Vogel ist nicht der heilige Petrus Nolaskus. Der Herr Vogel spielt eine andere Rolle in diesem Spiel. Das ist allerdings schwer zu durchschauen. Der Herr Vogel ist eben erst von der schwedischen Königin zum Offizier des Wasa-Ordens erhoben worden. Die schwedische Königin ist nicht so bewandert in katholischen Heiligenlegenden. Es kann sein, dass sie den Herrn Vogel für den heiligen Petrus Nolaskus hält.

„Sie sollten das nicht in die falsche Kehle bekommen“, sagt der Vemehmungsoffizier, den ich mit Herr Leutnant anrede. „Sie haben eine Ausbildung als Gärtner von uns bekommen. Sie haben das Abitur gemacht bei uns. Irgend jemand muss ja bezahlen, was das einmal gekostet hat.“

Nett ist die Rechtsanwältin, die mir meine Mutter besorgt hat. Wirklich nett. „Es ist schwierig“, sagt sie. „Aber Sie sind 19 und der Richter wird Verständnis haben. Sie sollten sagen, dass Sie die Tat bereuen. So kommen wir mit einer Bewährungsstrafe davon.“ Sie schiebt mir ein kleines Blatt Papier hinüber. „Vollmacht“ steht darauf. „Sie müssten mich noch in der Sache zur Vertretung bevollmächtigen.“

Das Papier schiebe ich zurück. Ich sage: „Ich habe bereits den Herrn Vogel angeschrieben.“ Traurig blicken ihre Augen und sie schaut mich lange an. „Glauben Sie wirklich, dass Sie von dort eine bessere Strafverteidigung bekommen?“ Der Herr Vogel hat die Lizenz zum Menschenverkauf, gute Frau. Sie nicht. Dass ich tatsächlich glaube, von dort eine bessere Strafverteidigung zu bekommen, ist nicht tragisch. Dass ich in katholischen Heiligenlegenden auch nicht besser bewandert bin als die Königin von Schweden, ist nicht schlimm. Dass auch ich den Herrn Vogel für den heiligen Petrus Nolaskus halte, ist keine Katastrophe. Die ganze Wahrheit dazu werde ich noch begreifen. Wichtig ist, dass es einen heiligen Petrus Nolaskus gibt. Und Heilige wirken schon dadurch, dass sie da sind: Heute habe ich dem Leutnant gesagt, dass es mein Recht ist, über den großen Zaun zu klettern. Heute habe ich dem Leutnant gesagt, dass mich die Vorschriften der deutschen demokratischen Volksherrschaft dazu einen feuchten Kehricht interessieren. Heute habe ich dem Leutnant gesagt, dass ich nicht wüsste, was es zu bereuen gäbe.