Hubertus Knabe 2002

„Als ich Ende der 1970er Jahre, noch als Student, die ersten Kontakte zu kritischen Friedensgruppen in der DDR bekam,“

so führte Hubertus Knabe am 31. Mai 2002 in einem Impulsreferat zur Eröffnung des 6. Kongresses der Landesbeauftragten für die Staatssicherheit mit den Verfolgtenverbänden und Aufarbeitungsinitiativen im Zeitgeschichtlichen Forum in Leipzig aus …

„Als ich Ende der 70er Jahre, noch als Student, die ersten Kontakte zu kritischen Friedensgruppen in der DDR bekam,  war ich fasziniert davon, dass es neben der mir bis dahin von Verwandtenbesuchen bekannten DDR eine ebenso ernsthafte wie mutige und dennoch lebensfreudige politische Gegenkultur gab. Hier wurde eine bis an die Zähne bewaffnete Diktatur mit kleinen, wohldosierten Nadelstichen provoziert, um die erstarrten politischen Verhältnisse in Bewegung zu bringen.

Erst später, und verstärkt seit meinem Wechsel in die Gedenkstätte, habe ich eine gänzlich andere (Gegenbewegung) kennen gelernt: Menschen, die die harte Schule langer Haftzeiten durchlaufen hatten und meist eine klare antikommunistische Überzeugung besitzen. Ihr Kampf gegen die SED-Herrschaft war in der Regel nicht subversiv, sondern offensiv, nicht auf Reformen orientiert, sondern auf den Sturz des Systems und deshalb aus heutiger Sicht klarer und dem Charakter der Diktatur angemessener.

Es war für mich nicht schwer zu erkennen, dass beide Milieus in einer gewissen Distanz, wenn nicht Abneigung zueinander stehen.

Woran liegt nun diese Aufspaltung?

Neben der Härte der Repression und der Omnipotenz des Staatssicherheitsdienstes dürfte eine der wesentlichen Ursachen dafür sein, dass die fundamentaloppositionellen Kräfte in der DDR jahrzehntelang in die Bundesrepublik entsorgt wurden: entweder freiwillig, durch Flucht oder Ausreise oder mit Gewalt, durch Inhaftierung und anschließenden Freikauf.

Und bei nüchterner Betrachtung war es für einen DDR-Bürger, der in Freiheit leben wollte, vielleicht wirklich vernünftiger, in die Bundesrepublik überzusiedeln, als den Kampf gegen einen übermächtigen, international hofierten Polizeistaat aufzunehmen.

Einem Polen fehlte hingegen diese Möglichkeit. Zurück blieb eine (Gegnerschaft), die entweder noch nicht oder überhaupt nicht im politischen System der Bundesrepublik leben wollte, eine überwiegend junge Generation, die eine andere DDR wollte.

Die Differenzen ähneln dabei etwas denen zwischen Bürgerrechtlern und Ausreisewilligen in den 80er Jahren.“