Heino Falcke über Mauer, Stacheldraht und Schießbefehl

Heino Falcke, 1973 bis 1994 Propst im Propstsprengel Erfurt in der heutigen Evangelischen Kirche Mitteldeutschlands, Heino Falcke, seit 1975 Reisekader, weil Mitglied des Ökumenischen Rates der Evangelischen Kirchen zu Genf in der Schweiz, Heino Falcke, hatte sich schon 1985 erzürnt über die unter seinen „Schäfchen“, denen es auch einmal nach einem Stadtbesuch in Genf gelüstete.


Aus:

MIT GOTT SCHRITT HALTEN / Heino Falcke / Wichern-Verlag Berlin 1986, S. 82 ff.


Liebe Brüder und Schwestern,

In den letzten Wochen war viel von einer „Ausreisewelle“ die Rede. Das beschäftigt viele in unseren Gemeinden, und auch so mancher, der gar nicht ausreisen will, hört in sich die Frage: Warum bleibe ich eigentlich in der DDR? Auch wenn es mit der Ausreisewelle bald vorbei sein sollte, diese Frage bleibt und will beantwortet sein ….

Natürlich gibt es eine ganze Reihe von Ausreiseanträgen, die wir alle gut verstehen und nur unterstützen können: Familienzusammenführungen, Krankheiten, die Spezialbehandlungen erfordern …,

Die geschlossene und schwerbewachte Grenze ist in der Tat einer der wundesten Punkte unseres Staates. … Wir können sie nur als ein Faktum hinnehmen. Dafür, dass wir das tun sollten, gibt es allerdings politische Gründe, die vor allem mit der Erhaltung des Friedens in Mitteleuropa zu tun haben. …

Soweit ich sehe, hätten wir in unseren Gesprächen mit Ausreisewilligen (das könnten ja auch Selbstgespräche sein!) vor allem drei Fragenkreise anzusprechen:

1. Ist die Übersiedlung in den Westen wirklich der Ausweg aus den wirklichen Problemen, die ihr habt ?

2. Wenn ihr an die Menschen denkt, die ihr hier zurücklasst, sind sie nicht auch eure Nächsten, denen ihr Nächste sein und bleiben sollt ?

3. Wenn euch die politischen Verhältnisse kein sinnvolles Leben zu erlauben scheinen, sollen wir nicht auch unser Land und unser Leben in ihm trotz aller Enttäuschungen unter Gottes Herrschaft und Verheißung sehen?

Zu 1. Mehrfach habe ich beobachtet, und andere haben diese Beobachtung bestätigt, dass die Motivation für den Ausreiseantrag nicht in der gesellschaftlich-politischen Situation lag, die man verlassen will, sondern in persönlich-familiären Problemen, die man mitnimmt.

Gewiss wirken Schwierigkeiten, die man in Staat, Berufsleben und Bildungswesen hat, oft problemverschärfend, aber sind sie wirklich die Ursache? Verdecken sie vielleicht eher den Kern der persönlichen Probleme? Könnte der Übersiedlungswunsch in der Illusion gründen, man könne mit dem Land auch die persönlichen Probleme zurücklassen, und ist diese Illusion nicht darum gefährlich, weil sie die notwendige Aufarbeitung dieser Probleme verhindert? Oft ist der Ausreiseantrag der letzte Schritt einer langen Konfliktgeschichte, in der viel früher hätte Rat gesucht und Hilfe angeboten werden sollen.

Zu 2. Bedenken wir genügend, wieviel für unser Leben das Geflecht menschlicher Beziehungen bedeutet, in das wir biographisch hineingewachsen sind? … Der Apostel Paulus spricht von der Befreiung aus traditionellen Ordnungen und Abhängigkeitsverhältnissen. „In Christus“ sei weder Mann noch Frau, weder Herr noch Sklave (Galater 3,28). Trotz dieser Emanzipation in Christus empfiehlt er Frauen und Sklaven, im Blick auf die politischen Ordnungen den Christen überhaupt, in den untergeordneten Verhältnissen zu bleiben (1. Korinther 7,20 f; Römer 13, 1 ff; Galater 5,13 f).

Vor dem Ausreiseantrag sollte daher die Erwägung stehen, ob das Geflecht mitmenschlicher Beziehungen, in dem wir leben, nicht der „Ort der Berufung“ ist, an dem uns Gottes Ruf zur Praktizierung unserer Freiheit in der Liebe festhält. Sollten wir wirklich eine andere Freiheit suchen? Politische Verhältnisse können uns diese Freiheit weder gewähren noch nehmen.

Zu 3. Nicht wenige Antragsteller tun diesen Schritt, weil sie bei ihrer politischen und/oder christlichen Überzeugung für sich und ihre Familie hier keine Zukunftschancen sehen, und weil sie keine Hoffnung mehr haben, dass sich der Sozialismus ändert … Braucht unsere Gesellschaft aber nicht besonders dringend diese Menschen, die an den Verhältnissen leiden … ? Wenn es eine Hoffnung auf Besserung gibt, dann doch nur so, dass wir Konflikte durchstehen und nicht aus ihnen fliehen. Zur Konfliktbereitschaft gehört freilich, dass wir uns nicht auf totale Konfrontation festlegen, sondern auf praktikable Schritte und auf fruchtbare Kompromisse um des Nächstbesseren willen einlassen.

Die Grundfrage freilich bleibt: Gibt es denn Hoffnung? Hierzu kann ich nur die Glaubenswahrheit wiederholen, die wir schon oft gehört und gepredigt haben, und die ich vor zwölf Jahren mit der Wendung vom „verbesserlichen Sozialismus“ deutlich machen wollte: Wir dürfen auch unser Land unter der Herrschaft des Schöpfers, Versöhners und Vollenders sehen und darum als veränderbare Größe in der offenen Geschichte, die Gott mit uns hat. Gerade als Christen sollten wir sehr lange überlegen, ob wir aus dieser Geschichte und also aus dem Versuch, Christsein in der sozialistischen Gesellschaft zu leben, aussteigen wollen. …

Ich wünsche Ihnen eine gesegnete Passionszeit und grüße Sie als

Ihr Heino Falcke