Der Verdreher

Aus: Jürgen Schmidt-Pohl ( Herausgeber )

Strahlungen in dunkler Zeit

http://www.pohlit-verlag.de/

  1. Auflage 2003 ISBN 3-94406-05-X

Seite 157 ff.

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1984 im September

Es ist der Spätsommer des Jahres 1984, ich sitze jetzt den 9. Monat im Untersuchungsgefängnis des Ministeriums für Staatssicherheit in Halle im „Roten Ochsen“. Das ist lang und ein Geständnis konnten sie mir nicht entlocken.

So treffe ich auf IHN.

Ihn, den Diabolos, was zu Deutsch „der Verdreher“ heißt und wovon sich das Wort „Teufel“ ableitet.

Er ist gebildet, seine Krawatte sitzt exakt. Sein Hemdkragen ist weiß wie Schnee und er hat gepflegte Hände. Seine Stimme ist wohlklingend. Wenn er spricht, schaut er einen mit sanften Augen an. Er ist leitender Bezirksstaatsanwalt des Bezirkes Halle in der Deutschen Demokratischen Republik und alle Staatssicherheits-Offiziere kuschen vor ihm. Er bewirkt alle Haftbefehle. Er hebt sie wieder auf. Ich habe schon mehrere Beschwerdebriefe an ihn geschrieben. Da es sehr langweilig ist auf der Zelle, schreibe ich wieder einen:

„Sehr geehrter Herr leitender Bezirksstaatsanwalt!
Am vergangenen Freitag, dem 21. September 1984 wurde ich von dem auf dieser Station Dienst habenden Posten am Morgen gegen 6.15 Uhr aufgefordert, meinen Zellenkameraden zu wecken. Wenn dies nicht augenblicklich geschähe, sagte der Posten dann (ich zitiere wörtlich): >>brennt hier die Luft<<. Ich bitte Sie, Herr Staatsanwalt, zu überprüfen, ob sich der Posten nicht damit eines Vergehens nach § 217a Strafgesetzbuch schuldig gemacht hat (Drohung mit Brandstiftung und Vortäuschen einer Gemeingefahr). Man kann doch nicht jedem gestatten, je nach Lust und Laune Brände zu legen. Im Vertrauen auf Ihr Bemühen grüßt Sie in Dankbarkeit und in Hochachtung etc. pp.“

Er ist nicht nur gebildet, er hat sogar Sinn für Humor. Er hat mir geantwortet. Er habe die Sache umfassend geprüft, hat er geschrieben. Er will mich sehen. Er will mich seltsamen Vogel in seinem Käfig selbst sehen. Die roten Lampen leuchten und ich werde den Gang entlang geführt. „Halt“, ruft der Posten. Dann klopft er an die Tür. „Herein bitte“, sagt eine wohlklingende Stimme. Der Posten verschwindet und ich bin mit ihm allein. „Bitte setzen Sie sich doch“, sagt der leitende Bezirksstaatsanwalt hinter seinem Schreibtisch. Dann beginnt er.

„Wissen Sie, es ist schwierig, Ihnen die Sache nahe zu bringen. Ich tue das, was ich tue, ja nicht aus Lust. Lust habe ich auf etwas ganz anderes: junge Menschen vom Sozialismus und seiner Gerechtigkeit zu begeistern. Vorbeugen ist immer besser als strafen. Und in Ihrem Fall blieb mir gar nichts übrig, als Sie verhaften zu lassen.“ Bedauernd hebt er die Schultern unter seinem gutsitzenden und modischen Jackett. Lange und tief schaut er mich aus seinen sanften Augen an. „Seien Sie ehrlich: Sie wollten es so. Sie wollten zwischen diesem Staat und Ihnen ein klares Nein.“

Er nickt sich selbst die Antwort, um jetzt fortzufahren. „Ja, ich weiß, es wäre einfacher, bei einem Glas Bier und außerhalb dieses Hauses die Sache zu bereden. Ja ich weiß, aus Ihrer Sicht gäbe es gar keine andere Haltung als die, die Sie haben. Und das ist ja das Bedauerliche. Schwarz,“ so sagt er, „ist mein Name. Das wissen Sie. Ich habe keine Geheimnisse vor Ihnen. Meine private Rufnummer steht im Telefonbuch. Sie erreichen mich auch am Bezirksgericht. Ich würde gern einmal, wenn dies alles vorbei ist, ein Bier mit Ihnen trinken gehen. Ich würde Ihnen dann gern etwas erklären. Es ist ja nicht irgendetwas, um das es geht. Sie sind dreiundzwanzig Jahre alt und zu jung, es zu überschauen. Ich will Ihnen schildern, wofür Sie sich zur Verfügung gestellt haben. Sie haben sich als Kronzeuge gegen den Sozialismus zur Verfügung gestellt, als Kronzeuge gegen den Fortschritt. Sie lassen sich ausnutzen von denen, die Vorurteile gegen uns streuen.

Sie tun die Zuarbeit. Sie liefern das Argument.Sie haben sich so verhalten, dass mir gar nichts anderes übrig blieb, als Sie verhaften zu lassen.“

Gerade und fest ist der Blick aus seinen Augen. Wie kommt es, daß ich entwaffnet bin? Wie kommt es. dass ich sitze und nichts zu entgegnen weiß? „Sie sind zu jung, um die Tragweite zu überschauen. Sie wissen nicht was Sie tun. Schade“, seufzt er, „sehr schade. Sie wären es wert, unsere Sache mitzutragen. Und unsere Sache braucht ja auch Sie: einen Standfesten, einen, der nicht wackelt. Es geht doch um das Größte, was Menschen je in Angriff genommen haben: eine Gesellschaft der Gerechtigkeit zu errichten, eine Gesellschaft ohne Ausbeutung zu schaffen, für das Menschlichste zu arbeiten, was es je geben kann auf der Welt – den Sozialismus.“

Gott, der Du mir Ohren gabst zu hören. Ich bin ein schwacher und beeinflussbarer Mensch. Als der Verdreher fertig war, bin ich auf meine Zelle getaumelt. Ich wusste vierundzwanzig Stunden nicht mehr, was Gut und Böse ist. Vierundzwanzig Stunden habe ich Dich gefragt Gott, ob dieser wirklich ein Verbrecher ist. Bin nicht doch ich der Böse im Spiel? Du Gott hast mir nicht geantwortet. Und dabei hättest Du. Gott, mir etwas sagen können. Bist Du doch der Herr der Ewigkeit und weißt was war, was ist und was sein wird:

Einmal wird die Deutsche Demokratische Republik ein Ende haben.

Dann wird der Verdreher sich teure Lehrbücher kaufen. Das Recht der Bundesrepublik Deutschland wird er studieren in vielen Wochenend-Lehrgängen. Er wird nur die besten nehmen. Geld wird keine Rolle spielen. Als Rechtsanwalt wird er sich niederlassen, an einem Landgericht in einer sandigen Landschaft: weit weg von hier. Er wird gebildet sein, seine Krawatte wird exakt sitzen. Sein Hemdkragen wird weiß sein wie Schnee und er wird gepflegte Hände haben. Seine Stimme wird wohlklingend sein. Wenn er sprechen wird, wird er sein Gegenüber mit sanften Augen anschauen. Er wird einem gut gehenden Rechtsanwaltsbüro vorstehen.

Und er wird jeden auslachen, der den kostbaren Tag mit Gedanken an Sozialismus vertrödelt.