Aufarbeitungs-Konzepte

Liebe Mitglieder des Beirates der Stasi-Unterlagenbehörde,

ich fürchte, mit mir werden Sie sich auf KEIN Bild zur DDR einigen können, was da auf dem ehemaligen Stasi-Gelände in einem „Campus für Demokratie“ von der Jahn-Behörde gepinselt werden soll.

Meine Partei wie auch ich sind eher der Meinung,

  • dass Wissenschaft frei sein muss, auch Geschichtswissenschaft und
  • dass Wissenschaft, auch Geschichtswissenschaft an die Universitäten gehört.

Außerdem weiß jeder Fotograf: Das Bild, auch das Bild der Geschichte, ändert sich je nach Standpunkt und Perspektive.


Ich kann Ihnen nur meine ganz persönliche Perspektive schildern und Ihnen in etwa umreißen, worin sich diese von z.B. der Perspektive der Vorsitzenden des Kulturausschusses im Bundestag, unserem Beiratsmitglied Katrin Budde unterscheidet.

Also ich bin zwei mal vom Staatssicherheitsdienst der DDR verhaftet worden, war in der DDR 3 Jahre in Haft,

14 Monate davon in Untersuchungshaft des Ministeriums für Staatssicherheit in Halle. Und obwohl das Oberste Gericht der DDR über mich in seinem Urteil vom 14. September 1984 vermerkt:

„In der Hauptverhandlung hat der Angeklagte erklärt,

dass er bereit sei, in der DDR zu bleiben.“

Und obwohl das so war wie es war, bin ich dann doch am 13. März 1985 in Handschellen außer Landes verschubt worden. Dies war bei politischen Gefangenen der DDR nach Einschätzung des Bundesverfassungsgerichts in einer Entscheidung vom 21. September 2000

 „in 90 bis 95% aller Fälle zu erwarten“

Ich gestehe: Darüber war ich mehr als erleichtert.

Unser Beiratsmitglied Katrin Budde hingegen brachte im Landtag von Sachsen-Anhalt ein Gesetz ein, mit dem sie meint, meine Perspektive wie auch die Perspektive dieser „90 bis 95 % aller Fälle“  sei in den Skat zu drücken. Die DDR Geschichte könne nur „aufgearbeitet“ werden aus der Perspektive von Menschen,

die bis zum Mauerfall, bis zum 9. November 1989 im Sozialistischen Vaterland verweilt hätten.

Dort im Sozialistischen Vaterland gaben diese Menschen aus der Perspektive von Egon Krenz zu 98,85 % ihre JA-Stimme an die Kandidaten der Nationalen Front der Parteien des Antifaschistischen Blocks ab.

Aus der Perspektive wahrscheinlich der Mehrheit des Beirats waren es allerdings nur 96,2 %, weil die Wahlen ja gefälscht waren.

Sie verstehen, dass die Perspektiven einander völlig entgegengesetzt sind ?

Und auch wenn ich zugebe, dass die Zahl der 96,2 % Mitläufer der DDR-Diktatur eine erdrückende Mehrheit darstellt: Das „richtige“ Bild einer Diktatur lässt sich nicht durch Mehrheitsentscheidungen festlegen.


Oder nehmen wir die Geschichte um diese FRIEDLICHE REVOLUTION.

Auch hier unterscheidet sich meine Perspektive deutlich von der Perspektive eines an einer Karl-Marx-Universität promovierten Theologen

wie zum Beispiel Doktor Martin Kupke. Und sie unterscheidet sich so:

Den Mauerfall am 9. November 1989 ersah ich aus der Perspektive eines gerade gewählten Kreisvorsitzenden einer JUNGEN UNION in Tübingen. Ich war auf einmal ein Rädchen in einem Apparat, der CDU hieß. Und unser Apparat hatte zum 18. März 1990 eine Stellvertreter-Wahl zu einer Volkskammer in einem Ort, 549 km weit weg zu gewinnen. Wir vom Landesverband Baden-Württemberg hatten das nämlich in Sachsen „zu erledigen“ und unser Kreisverband bekam den Marschbefehl nach Oschatz. An „meine“ JU-Mitglieder hatte ich damals das geschrieben:

(zum Vergrößern bitte klicken).

„Wie die Landsknechte, die ein fremdes Land erobern“, so empörte sich im Februar 1990 der Genosse Uli Maurer, damals noch als Fraktionsvorsitzender der SPD im Stuttgarter Landtag …

„Wie die Landsknechte, die ein fremdes Land erobern, so fallen die HORDEN der schwäbischen JUNGEN UNION in Sachsen ein.“

Dabei waren die Unionsfreunde in Oschatz mir gegenüber ausgesprochen willig. Gut, der erste Sekretär der CDU-Kreisleitung in Oschatz war nicht zu gebrauchen. Er wimmerte immer nur rum, dass er „von dorr äS äE Dä vorzich Johre undordriggt“ worden sei. Aber sein Handlanger, der zweite Sekretär der CDU-Kreisleitung, der Unionsfreund Frank Kupfer war ein helles Köpfchen. Er stand so manche Nacht im Februar und März um 3:00 Uhr am Fax, denn nur um diese Uhrzeit konnte man senden und empfangen. Zu anderen Zeiten waren die Leitungen immer belegt. Außerdem trug Blockflöte Kupfer damals einen Bürgerrechtler-Bart und war deshalb auf der Stelle der Provinz-Thierse.

Ja und diese meine Perspektive ist dann eine ganz andere als die Perspektive des damaligen evangelischen Superintendenten von Oschatz. Das ist der Doktor (theol.)Martin Kupke mit seiner schönen Doktorarbeit über den „Klassenkampf im religiösen Sozialismus und seine Hintergründe sowie der praktische Kampf des Bundes der religiösen Sozialisten Deutschlands in der Weimarer Republik.“

Aus der Perspektive eines ostdeutschen evangelischen Theologen, gar noch eines promovierten ostdeutschen evangelischen Theologen, fand nämlich 1989/90 in Oschatz

eine FRIEDLICHE REVOLUTION statt und zwar hauptsächlich in seiner Kirche.

Noch ganz anders ist die Perspektive von Frank Kupfer . Seine 3 Jahre als hauptamtlicher Blockflöten-Funktionär ist seines Eindruckes nach eine einzige Stasi-Verfolgung mit ihm als Opfer. Der erste Sekretär der CDU-Kreisleitung Oschatz war nämlich ein Informeller Mitarbeiter der Stasi. Dieser Jammer-Ossi, der „von dorr äS äE Dä vorzich Johre undordriggt“ worden war, hatte regelmäßig Berichte über seinen Adlatus geschrieben.

Sie verstehen, dass auch hier die Perspektiven einander völlig entgegengesetzt sind ?

Also: Meine Stimme fürs Wahrheitsministerium kriegen Sie nicht.

Wahrheitsministerien haben nach Auffassung meiner Partei in einer offenen Gesellschaft nichts zu suchen.

Nichts für ungut

Bodo Walther