Aufarbeitung ist …

Das Wort „Aufarbeitung“ erklärt die deutschamerikanische Soziologin Inga Markovits (Universität Houston / Texas) ihrem englischsprachigen Publikum so:

„There is much talk today in Germany about the Aufarbeitung (literally, the >>working over<<) of its recent history – a very German word that is usually translated as >>coming to terms with the past<< (on whose terms?) but that also evokes Freudian connotations of working out the personal impact and significance of events hitherto repressed, and that, in a more mundane and domestic meaning, also can be used to describe the remodeling of an old garment (>>ein Kleidungsstück aufarbeiten<<) to make it look as good as new.“

(Selective Memory: How the Law Affects What We Remember and Forget about the Past: The Case of East Germany, Law & Society Review, Vol. 35, No. 3; 2001, pp. 513-563)

Vollständig übersetzen könnte man das mit:

„In Deutschland wird heute viel über die Aufarbeitung jüngerer deutscher Geschichte gesprochen. >>Aufarbeitung<< ist ein sehr deutsches Wort. In der Regel wird es mit dem Ansinnen übersetzt, mit der Vergangenheit >>ins Reine<< zu kommen. Die Gesellschaft soll zu Begriffen kommen (zu wessen Begriffen?). Die persönliche Wirkung und Bedeutung bisher unterdrückter Ereignisse soll >>aufgearbeitet<< werden. 

Das Wort >>Aufarbeitung<< hat aber auch eine eher unterbewusste und ganz banale  Zusatzbedeutung (wörtlich: „Freud’sche Konnotation„). >>Aufarbeitung<< kann auch das Umwenden eines alten Kleidungsstücks beschreiben (> > ein Kleidungsstück aufarbeiten < <). Dann sieht es wieder gut aus, so gut wie neu.“


Übrigens: Der Titel des lesenswerten Aufsatzes (er steht leider nur auf englisch und in Bilddateien im Netz) …. der Titel ihres Aufsatzes lautet auf deutsch übersetzt:

Ausgesonderte Erinnerung: Wie das Recht unser Erinnern und Vergessen kanalisiert: Der Fall Ostdeutschland

Allein 9 Jahre Stasiunterlagengesetz, allein 9 Jahre Überprüfen auf etwaige Stasi-Vergangenheit (das so genannte „Gaucken„), allein die Existenz der Stasiunterlagenbehörde, so Inga Markovits, habe das kollektive Gedächtnis manipuliert. Des Ministeriums für Staatssicherheit der DDR werde erinnert, die Vergangenheit der Mitarbeiter der weiteren 29 Ministerien der DDR-Diktatur werde vergessen. Das Wirken der Blockparteien sowieso. Man braucht sie ja irgendwie noch.


Deshalb übersetze ich ihr Eingangszitat gern und zugegeben sehr frei mit:

„Aufarbeitung ist ein äußerst deutsches Wort. Und hat im Übrigen eine Doppelbedeutung.

Aufarbeitung bezeichnet in der deutschen Sprache auch die Wiederverwertung von Lumpen.“