Als ich 19 war ….

Aus: Jürgen Schmidt-Pohl ( Herausgeber )

Strahlungen in dunkler Zeit

http://www.pohlit-verlag.de/

  1. Auflage 2003 ISBN 3-94406-05-X

Seite 147 ff. (Zur Seite 155 ff. GEHT ES HIER LANG.)


Im Buch Bereschit ( שִׁית (bere’šīt)), = (hebr.) „Am Anfang“ = dem Buch Genesis (Γένεσις) = (altgriech.) „Die Schöpfung“ = dem 1. Buch Mose der Bibel geht es um Israel, was zu Deutsch heißt: „Einer, der mit Gott streitet“. Im 32. Kapitel, Vers 23 bis 32 heißt es:

„In derselben Nacht stand Jakob auf… und durchschritt die Furt des Jabbok. Dann schaffte er alles hinüber, was ihm sonst noch gehörte. Als nur noch er allein zurückgeblieben war, rang mit ihm ein Mann, bis die Morgenröte aufstieg. Als der Mann sah, dass er Jakob nicht beikommen konnte, schlug er ihn auf das Hüftgelenk. Jakobs Hüftgelenk renkte sich aus, als er mit ihm rang. Der Mann sagte: Lass mich los, denn die Morgenröte ist aufgestiegen. Jakob aber entgegnete: Ich lasse Dich nicht los, wenn Du mich nicht segnest. Jener fragte: Wie heißt Du? Jakob, antwortete er. Da sprach der Mann: Nicht mehr Jakob wird man Dich nennen, sondern Israel, das heißt Gottesstreiter; denn mit Gott und Menschen hast Du gestritten und hast gewonnen. Nun sagte Jakob: Nenne mir doch Deinen Namen! Jener entgegnete: Was fragst Du mich nach meinem Namen? Dann segnete er ihn dort. Jakob gab dem Ort den Namen Penuel, was bedeutet: Gottesgesicht. Und sagte: Ich habe Gott von Angesicht zu Angesicht gesehen und bin mit dem Leben davongekommen. Die Sonne schien bereits auf ihn, als er durch Penuel zog: er hinkte …“


Gott, der Du diese Welt geschaffen hast. Lass Dir sagen: Sie ist ein Dreckloch! Das Dreckigste ist, dass ich eine Maske tragen muss! Und ein Blauhemd! Und ich muss rote Parolen heucheln! Und wenn ich es nicht tue, dann geschieht mir wie allen Deinen frommen Knechten! Dann kann ich nie in diesem Land studieren! Nie! Komm aus Deiner Wolke Gott, ich habe mit Dir zu reden! Warum hast Du mich in der Deutschen Demokratischen Republik auf die Welt kommen lassen? Warum hast Du mich nicht dort im Westen auf die Welt kommen lassen? Dort, wo ich schon einmal war. in meiner Mutter Bauch!

Eklig ist das Leben hier! Dreckig! Wenn ich am Morgen beim Rasieren in den Spiegel schaue, dann wird mir schlecht! Zeig dich, Gott! Ich habe mit Dir zu reden! Nichts gibt es, was mich hält in diesem Land! Das Mädchen mit den langen blonden Haaren hat gesagt: „Ich liebe Dich nicht mehr.“ Und ich habe Dich gewarnt, Gott! Ich habe Dir gesagt, dass Du mir etwas zeigen sollst. was lohnt, hier zu bleiben! Nichts hast Du mir gezeigt, nichts! Schau Dir diesen Ekel an, Gott: An den Moritzburger Teichen laufen die Liebespaare herum und knutschen sich, dass es knallt! Als ob wir nicht in einer Diktatur lebten! Was sagst Du, Gott? Du sagst, ich sei ein eitler Fatzke mit einem großen Sack voll Liebeskummer? Hör ‚mal zu Gott. ich habe überhaupt keine Lust auf Deine blöden Witze! Und denke du nicht, Gott, ich sei einer, der leere Worte macht! Ich bin zwar erst neunzehn Jahre alt, aber weißt Du, was ich gemacht habe? Mein Konto habe ich leer geräumt. Das Geld liegt in Mutters Bettwäsche. Sie wird’s schon finden. Zusammen mit vier leeren Blättern mit meiner Unterschrift. Sie wird es ja brauchen, wenn sie mein Motorrad verkauft.

Und jetzt, Gott, geht’s über den Jabbok. Schon habe ich die Schuhe geschnürt. Und ich bin mit den Freunden nach Bulgarien gefahren. Und jetzt sitzen wir dort am Lagerfeuer. Und es ist der letzte Abend. Und ich sage ihnen, dass ich noch allein nach Ungarn fahren werde.

Was ich jetzt tun werde, das weiß kein Mensch. Bis zu acht Jahren Gefängnis kann man für das bekommen, was ich mir vorgenommen habe. Wer davon weiß und es nicht sofort verrät, an die Kommunisten, der macht sich selbst strafbar. Freiheitsstrafe bis zu fünf Jahren. Deshalb ist es besser, dass kein Mensch davon weiß. Nur Du Gott weißt, was ich jetzt vorhabe. Denn ich habe Dich ja gewarnt. Und denke nicht, Gott, dass ich leere Worte mache! Ich bin zwar erst neunzehn Jahre alt, aber Du wirst mich schon noch kennen lernen.

Dort im Westen steht der große Zaun. Er ist dreifach gesichert, mit Signaldrähten und Wachtürmen. Und dahinter liegt das Land, Gott, das Du mir vorenthalten hast! Davor liegen die Sümpfe, die bis hin an den Neusiedler See gehen. Sie werden vom Hansagvalva-Kanal entwässert.

Einser-Kanal heißt das Wasser auf Deutsch und Ost-Burgenland die Landschaft. Dort im Westen steht der große Zaun. Ein britischer Premierminister hat ihn einst „The Iron Curton“ genannt – „den Eisernen Vorhang“. Die Kommunisten nennen ihn den „Antifaschistischen Schutzwall“. Über den will ich jetzt drüber.

„Du Faschist! Du Faschistenschwein!“ Der Anführer der ungarischen Grenzsoldaten brüllt sich fast die Seele aus dem Leib. Er ist in Zivil, anders als die vier Bewaffneten hinter ihm. Und sie kommen direkt auf mich zu gerannt. „Du Faschist! Du Faschistenschwein!“ Jetzt habe ich seine Faust im Gesicht, rechts. Und jetzt noch einmal, links. Und jetzt liege ich bäuchlings im Dreck. Drei der ungarischen Grenzsoldaten spielen an den Sicherungen ihrer Maschinenpistolen. Der vierte hält den Hund. Hundeatem ist heiß. Besonders, wenn er nah ist, ganz nah. Scharf ist der Hund, scharf. Und der vierte der Grenzsoldaten macht ihn immer schärfer.

Sie schaffen mich in ihr Hauptquartier. Mit ihrem Jeep. Ich sitze in Handschellen hinten auf der Rückbank. Ein Soldat sitzt links, einer rechts. Der dritte sitzt vom und der „Antifaschist“ in Zivil steuert den Wagen. Hinter mir sitzt noch der vierte Soldat. Der mit dem Hund. Hundeatem ist heiß. Besonders, wenn er nah ist, ganz nah.

Jetzt haben sie mich in einen Raum gebracht. Ich werde vernommen. Von einem ungarischen Geheimdienstoffizier. Er spricht deutsch. Gutes Deutsch. Der Hund ist jetzt draußen. „Ein guter Hund“, sagt der Geheimdienstoffizier. „Ein Deutscher Schäferhund, ein Geschenk an uns aus der Deutschen Demokratischen Republik.“

Er grinst und kommt zur Sache. „Sie wollten also abhauen“, sagt er. „Leugnen Sie nicht. Alle jungen Menschen in der Deutschen Demokratischen Republik wollen abhauen“, sagt er. „Das ist doch logisch. Außerdem sind Sie im Sperrgebiet festgenommen worden.“ Dann will er die Einzelheiten meiner Flucht wissen.

Neunzehn Jahre bin ich alt. – Und ich habe Angst. – Solche Angst. – In der Nacht werde ich gestehen. Der Geheimdienstoffizier nickt. Er sagt: „Wir werden Sie nach Budapest bringen. Dort werden wir Sie auf dem Flughafen den Sicherheitsorganen der Deutschen Demokratischen Republik überstellen.“

Die Zellentür hinter mir ist ins Schloss gefallen. Und ich in den Schlaf. Sechsundvierzig Stunden habe ich nicht geschlafen. Ich schlafe tief und fest.

Bist Du eigentlich herausgekommen, aus Deiner Wolke, Gott? Oder bin ich in Deiner Wolke drin? Ach Gott. ich bin so müde. Ich glaube doch, Gott, dass ich in Deiner Wolke drin bin. Denn ich schlafe so tief und so fest. Hast Du das Rasseln des Schlosses an der Zellentür gehört? Ist sicher ein böser Traum, Gott. Ist sicher morgen vorbei. Oder übermorgen. Oder nächste Woche. Oder spätestens nächsten Monat. Wer hat da gesagt, das sei auch nächstes Jahr noch nicht vorbei? Warst Du das. Gott? Ach wie freundlich Du lächelst. Gott! Was sagst Du? Du wirst mir das ganze Jahr und auch das nächste so lächeln? Und in alle Ewigkeit? Das ist lieb von Dir, Gott. Und wer hat denn dann gesagt, dass das mit dem Rasseln des Schlosses an der Zellentür auch nächstes Jahr … Ich glaube doch, Gott, dass ich in Deiner Wolke drin bin. Denn ich schlafe so tief und so fest.

Die Zelle ist ein Gitterkäfig in der Kaserne der Grenzsoldaten. Wie ein Fisch im Netz sitze ich hier drin. Das sehe ich, sobald ich wach bin. Die Soldaten verstehe ich nicht, „igen“ heißt „ja“ und „nem“ heißt „nein“. Und „Nem tudom magyarul“ heißt „Ich kann nicht Ungarisch“. „Jo napot!“ heißt „Guten Tag!“ und „Viszont’latasra!“ heißt „Auf Wiedersehen!“. Damit erschöpfen sich bereits meine Ungarisch-Kenntnisse.

Die Soldaten unterhalten sich. Vielleicht unterhalten sie sich über mich großen Fisch, den sie da gefangen haben. Auf jeden Fall kriegen sie jetzt einen Sonderurlaub. Und eine Prämie. Jetzt haben sie sich einen Schnaps eingeschenkt. Und jetzt deutet einer auf mich und sie lachen. Sie stoßen an. Einer sagt etwas und alle wiederholen den Satz. Nein, „prosit!“ haben sie nicht gesagt. Das würde „egeszsegünkre!“ heißen. Vielleicht haben sie sich gegenseitig Erfolg für das Fangen von Menschen gewünscht. Vielleicht haben sie sich mit dem Gruß der Fischer gegrüßt, wenn sie einander volle Netze wünschen: „Petri Heil“? Nein, kann nicht sein. Der andere müsste dann ja antworten: „Petri Dank“. Und sie haben alle dasselbe gesagt.

Am Abend bringen sie mich in das Komitatsgefängnis in Györ. Bezirk, so könnte man auf Deutsch die ungarische Verwaltungseinheit Komitat benennen. Und Raab die ungarische Stadt Györ. Und ändern würde das nichts.

Die Zelle ist lang, hoch und schmal. Ganz hinten, am Ende der Zelle ist oben ein kleines Fensterloch. Es ist vergittert. Klar. Dick sind die Außenmauern. So dick. Etwa eineinhalb Meter. Die Wände sind weiß gekalkt. Erst am zweiten Tag entdecke ich, dass sie über und über mit Inschriften versehen sind. Die Inschriften sind auf Ungarisch. Oder auf Rumänisch. Oder auf Deutsch. „Trajasca FRA“ zum Beispiel ist Rumänisch. Es heißt: „Es lebe die Bundesrepublik Deutschland.“ Der das geschrieben hat, war sicher auch so ein armer Tropf wie ich. Der gedacht hat, der Eiserne Vorhang habe an der ungarischen Grenze ein Loch. Aber das kann ja nicht sein. Denn wenn der Eiserne Vorhang an der ungarischen Grenze ein Loch hätte, dann würden zehntausende Bürger der Deutschen Demokratischen Republik hier durchschlüpfen. Und das wäre der Anfang von ihrem Ende.

Täglich habe ich die Zelle zu wischen. Dazu bekomme ich einen Lappen und einen Eimer. Einen anderen Eimer bekomme ich als den, der am Ausgang der Zelle steht. Der Eimer, der am Ausgang der Zelle steht, hat einen Deckel. Unter dem Deckel ist Wasser. Das Wasser habe ich jeden Tag zu wechseln und einen Löffel Chlorkalk hinein zu geben. Natürlich gibt es auch eine Toilette. Aber eben nicht in der Zelle. Genauer gesagt gibt es einen Toilettensaal. Darin ist am Ende eine lange Betonplatte eingelassen. In der Platte sind ein halbes Dutzend kreisrunde Löcher. Das sind die Toiletten. Vom Toilettensaal aus kann man auch in einen Nebenraum gehen. Der ist gekachelt. Oben an der Decke verläuft ein Rohr. Das Rohr hat ein halbes Dutzend Löcher. Das ist die Dusche. Der dicke Gefängniswärter lässt mich nur zweimal am Tag hier hinein. Einmal morgens vor dem Frühstück, einmal abends bevor er das Licht in der Zelle löscht. Dabei habe ich auch das Wasser in dem Eimer neben der Tür zu wechseln. Ein Löffel Chlorkalk.

Es gibt immer Weißbrot. Früh. Mittags. Abends. Dann gibt es noch etwas in eine Schüssel. Morgens und abends gibt es einen Aufguss aus gebrannter Gerste. Mittags gibt es eine Suppe dort hinein. Nein, keine Klagen. Ich werde immer satt. Verblüffender Weise gelingt es mir, den Eimer mit dem Chlorkalk neben der Tür nie benutzen zu müssen. Vierzehn Tage lang. Dann bringen sie mich nach Budapest.

Das Gefängnis in Budapest liegt an einer Straße, „kacsa utca“. Und im ungarischen Jargon heißt das Gebäude „Die bleierne Ente“. Hier habe ich auch einmal am Tag die Zelle zu wischen. Täglich eine halbe Stunde darf ich an die Luft. Auf den Hof. Es sind viele Höfe. Sie sind je etwa 30 Quadratmeter groß und von hohen Mauern umgeben. Über die Mauern ist ein Drahtgitter gespannt. Über dem Drahtgitter ist ein Laufsteg. Auf dem laufen die Wachsoldaten. Über dem Laufsteg und dem Drahtgitter ist ein riesiges Dach aus gelbem Plexiglas. Die „Bleierne Ente“ befindet sich mitten in der Stadt. Von den Dachböden der umliegenden Häuser soll niemand hier hineinschauen können.

Ein Offizier der Staatssicherheit der Deutschen Demokratischen Republik hat mich vernommen. Er ist ein Deutscher. In einem ganz anderen Ton als die ungarischen Offiziere spricht er mit mir. Kalt ist er. Eiskalt. Zwischen ihm und den Ungarn besteht ein riesiger Unterschied. Es ist der Unterschied zwischen Schwarzbrot und Weißbrot. Er sagt, dass sie mich bald abholen werden. Danach wird es nur noch Schwarzbrot geben.

Es ist an einem Mittwoch. Mittwochs gehen die Flieger. Wir sind elf Gefangene. Zehn Männer und eine Frau. Und wir haben elf persönliche Bewacher. Zehn Männer und eine Frau. Mit denen verbinden uns elf Handschellen. Jetzt sitze ich im Flugzeug. Außen, am Fenster. Das Fenster ist rechts von mir. Deshalb sitzt mein persönlicher Bewacher links von mir. Meine linke Hand und seine rechte Hand sind mit einer Handschelle verbunden. Jetzt hebt der Flieger ab. Jetzt sind wir über den Wolken. Ich bin noch nie geflogen.

Wir fliegen so schnell. Wir fliegen nicht lange. Wir fliegen viel zu schnell.

Wir sind bereits auf dem Flughafen Berlin-Schönefeld gelandet. Man spricht Deutsch hier. Von dem, was die Wachsoldaten sagen, verstehe ich jedes Wort. Sie bringen uns in ein seltsames Auto. Es ist ein LKW der Marke W50. Hinten in dem Kasten auf dem LKW sind zehn kleine Gefängniszellen. Aber das weiß keiner, der das Auto von außen sieht. Weiß gestrichen ist der Kasten. Auf beiden weißgestrichenen Seiten ist ein lustig lachender Hering gemalt. Unter dem steht geschrieben: „Fisch auf jeden Tisch!“ Man spricht Deutsch hier. Von dem. was die Wachsoldaten sagen, verstehe ich jedes Wort. „Petri Heil!“, ruft der Wachsoldat, der den LKW steuert. „Petri Dank!“, ruft mein persönlicher Bewacher.

Sie haben uns nach Berlin-Rummelsburg gebracht. Dort bin ich eine Nacht. Am nächsten Tag bringen sie mich und noch jemanden in die Bezirkshauptstadt an der Saale. Sie bringen uns in das dortige Bezirks-Untersuchungsgefängnis der Staatssicherheit. Klein ist das Auto, es hat nur vier Zellen im hinteren Wagenaufbau. Wer mag das in der Zelle neben mir sein? „Ruhe dahinten!“, ruft der Beifahrer.

Fast jeden Donnerstag im Sommer fährt das Auto von der Saale nach Berlin und zurück. „Petri Heil!“, rufen die Wachsoldaten an der Saale dem Fahrer dann nach. „Petri Dank!“, ruft der zurück.

Ich werde die ganze Nacht von einem Offizier vernommen. Der ist sehr stolz auf sich. Er sagt: „Soso, Pionier gewesen. Und das Blauhemd getragen.“ Und er grinst höhnisch. „Ist doch alles nur Maske gewesen. Aber jetzt“, und er beugt sich vor, triumphierend und voller Siegerstolz, „aber jetzt haben wir Ihnen die Maske vom Gesicht gerissen!“

Gott, großer Gott. Verzieh Dich nicht in Wolken. Ich habe mit Dir zu reden. Ich bin allein in meiner Zelle. Du hast Platz hier. Es sind genau zwei Pritschen im Raum. Es ist etwas seltsam hier. Und auch sonst ist einiges anders. Zum Beispiel, wenn sie mir morgens den Spiegel bringen mit dem Rasierzeug.

Die Maske ist ab.

Selbst wenn ich es wollte, ich kriege sie nicht mehr drauf. Sag mir nicht, Gott, dass es gerecht sei, dass ich hier sitze! Aber komm aus Deiner Wolke, Gott! Ich habe mit Dir zu reden.