Siegmar Faust und das Große und Ganze

EIN OFFENER BRIEF AN

Herrn Hubertus Knabe

Genslerstraße 66

13055 Berlin


Lieber Hubertus Knabe,

wenn ich mir den Rauswurf meines Haftkameraden Siegmar aus der Gedenkstätte so recht betrachte, fällt mir eine Geschichte ein. Eine Geschichte zu einer Szene in der DDR,  von der kaum jemand weiß, dass es auch sie gab im Arbeiter- und Bauern-Staat:

Demeter, Weleda und Eurythmie – die Anthroposophen.

Der Gründungshof der biologisch-dynamischen Landwirtschaft liegt östlich von Ostberlin. Natürlich war er ein Fremdkörper im Staat der SED. So fremd wie eine Gedenkstätte Hohenschönhausen dem Berliner Frontmann der LINKEN, Klaus Lederer fremd ist.

Wir schrieben das Jahr 1982, ich war 21 Jahre alt und ich war ein gerade aus Brandenburg entlassener Stasi-Häftling. So zog ich auf den Demeter-Hof. Nein, ich suchte nicht irgendeinen Job. Die „Wiedereingliederung“ auch ehemaliger politischer Gefangener in die Volkswirtschaft der DDR war ja straff organisiert. Den Stadtpark sollte ich eigentlich hüten nach dem Willen der Genossen in der Stadtwirtschaft zu Weißenfels. Aber das wollte ich eben nicht.

Ich wollte lieber Petersilie züchten nach den Aussaattagen von Maria Thun, lieber morgens um 4:30 Uhr den Kühen ihre homöopathischen Globoli nach Samuel Hahnemann verabreichen und fein vermahlenen Quarz samt dem Horn einer Kuh im Boden vergraben. Letzteres vermittelt Lichtenergie und fördert harmonische Wachstums- und Reifeprozesse, wissen Sie das, Hubertus Knabe ?

Ich hatte einen Antrag auf Entlassung aus der Staatsbürgerschaft der Deutschen Demokratischen Republik gestellt und in diesen Sachen standen die SED-Kreisleitungen leider im sozialistischen Wettbewerb. Der erste Sekretär der SED-Kreisleitung zu Weißenfels rieb sich über meinen Wegzug nach Norden die Hände. Er hatte jetzt die Zahl der „Übersiedlungsersuchenden = ÜSE“ im Kreis um 4,347 % gesenkt. Diesen Erfolg musste er gleich ans Zentralkomitee melden. Freudig ließ er die neue Adresse in meinen Ausweis, den „PM 12“ eintragen.

Die SED-Kreisleitung zu Fürstenwalde hingegen sah die Zahl ihrer „Übersiedlungsersuchenden = ÜSE“ nun um 7,142 % erhöht. Und das wollten die keineswegs ans Zentralkomitee melden müssen.

Wettbewerb ist eine harte Sache, lieber Hubertus Knabe. Sozialistischer Wettbewerb gleich ganz. Also erschien der Genosse Abschnittsbevollmächtigte des Volkspolizei-Kreisamtes zu Fürstenwalde auf dem Hof. Bis zu seinem antifaschistischen Schutzwall, seiner Friedensgrenze zwischen Ost und West, so erklärte er den Bio-Bauern, seien es ja nur ein paar Kilometer. Und der Bodo Walther (also ich), sei ja hier auf diesem Hof, um diese Friedensgrenze zu verletzen.

Außerdem war ich dieses Verbrechens bereits vorbestraft.

Damals, lieber Hubertus Knabe, als Klaus Lederers LINKE noch SED hieß, war die Verletzung der Friedensgrenze das schlimmste Verbrechen, das es geben konnte. Der Weltfrieden wurde dadurch gefährdet. Den Atomkrieg konnte so was auslösen. Stellen Sie sich vor, lieber Hubertus Knabe, Sie würden in Hohenschönhausen unter den Augen von Anton Hofreiter gewöhnliche Glühbirnen benutzen und keine Energiesparlampen. Stellen Sie ich vor, Sie würden gar noch leugnen, dass sie damit die Sturmflut am Müggelsee und die Dürrekatastrophe in der Wüste Namib verursacht haben, sie würden als KLIMALEUGNER entlarvt werden. … Ja, so ähnlich war das damals mit der Verletzung der Friedensgrenze.

Und weil Gefahren von der Staatsmacht gebannt gehören, so erklärte der Genosse Abschnittsbevollmächtigte damals den Biobauern, müsse er nun jeden Freitag nachmittags auf den Hof zum Gucken kommen. So lange, wie der Bodo Walther (also ich) da nun herumläuft.

Das war sehr misslich, lieber Hubertus Knabe

Freitags nach eins begab sich nämlich ab und an einer der Erleuchteten aus dem Rudolf-Steiner-Haus in Berlin-Dahlem auf die Podbielskiallee. Er fuhr dann mit der S-Bahn und einem Tagesschein nach Ostberlin rüber und bis an die Stadtgrenze Erkner. Von dort aus gab es den Bus des VolksEigenen Betriebes, VEB Kraftverkehr Fürstenwalde bis zum Scharmützelsee und nach 15 Minuten Fußmarsch durch den Wald war man auf dem Hof.

Und dieses war sehr gesetzeswidrig. Nach der „Verordnung über Besuche von Bewohnern des selbständige politische Einheit Westberlin mit Einreise nach Berlin, Hauptstadt der DDR“  kurz „Besucherordnung“ berechtigte ein „Tagesschein“ nur zur Fahrt bis zur Ostberliner Stadtgrenze in Erkner. Eine Weiterfahrt verstieß gegen §§ 2,2, 5,2 und 6,1 der Besucherordnung.

Aber die Kiefern wuchsen damals noch dichter in der Mark Brandenburg als heute und ein Abschnittsbevollmächtigter der Volkspolizei musste ja nicht jeden gesehen haben.  Freitags nach eins macht jeder seins. Er könnte es aber  mal sehen wollen … Schon allein wegen des Weltfriedens und auf dass kein Atomkrieg ausbricht.

Ja, und so lag am nächsten Morgen um 5 ein Blatt vom Martin neben meiner Müslischüssel. Auf dem stand:

„Lieber Bodo,

anbei der Auflösungsvertrag. Er ist mit den anderen Mitgliedern der Hofgemeinschaft abgestimmt. Die Heuernte im Juni werden wir anders besetzen. …“

Ja, der Hof war ein Fremdkörper im Staat der SED. So fremd wie eine Gedenkstätte Hohenschönhausen dem Frontmann der Berliner LINKEN, Klaus Lederer fremd ist.

Darf man einen Menschen opfern, um „das Ganze“ zu erhalten ? Ist „das Ganze“ dann noch ganz ?

Mit freundlichem Gruß

Bodo Walther

P.S.: Sie wissen so gut wie ich, Hubertus Knabe, dass ein Zeitzeuge die Zeit bezeugt. Das ist die Anforderung an ihn. NUR das. Und um Friedensgrenzen, Atomkriege, Leugnereien, Besucherordnungen oder sonstige Heißluftballons, die der Klaus Lederer aufbläst, geht es NIE.

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