1993, St. Petersburg

Ich bin auf dem Wyborger Bahnhof in St. Petersburg und besteige mein Fahrrad.
Es hat alles geklappt. Die Bahn hat es tatsächlich transportiert von Bayern nach Russland.
Viele Kulissen werden verschoben auf dem Jahrmarkt der Eitelkeiten. Eine der gebräuchlichsten über ehemalige DDR-Bürger ist die des Entlaufenen aus dem russischen Imperium, der im russischsprachigen Raum schwimmen könne wie ein Fisch im Wasser. Der Chef im örtlichen Büro des Deutschen Industrie- und Handelskammertages (DIHT), der Dachorganisation der Deutschen Industrie- und Handelskammern (IHK) hatte vielleicht diese Vorstellung von mir. Nach drei Monaten an der Newa werde ich jedenfalls ein wenig davon darstellen können. Die resolute ältere Dame, die Slawistik-Professorin an der Staatlichen Universität, die kein Wort deutsch spricht und deren Nachhilfe für 5 Dollar die Stunde schon deshalb nachhaltig ist, sie wird mir dabei helfen.
Beim DIHT bin ich der erste Rechtsreferendar, der erste Jurist in der praktischen Ausbildung, dem überhaupt in einem Büro in Russland diese Chance gegeben wird. Mein Geld bekomme ich als bayrischer Beamter auf Widerruf, meinen Dienst leiste ich in einer „Wahlstation“, in Russland ab.
 „Zu tun -“ , so sagt mir Gospodin Schubert, der aus dem Außenhandelsministerium der vom Westen geschluckten DDR in den DIHT gefunden hat, „Zu tun haben wir es vor allem mit den Aktiengesellschaften offenen Typs. Man hat mir gesagt, diese seien nicht mit den deutschen Aktiengesellschaften zu vergleichen, eher mit einer GmbH. Aber Sie sind ja angehender Jurist. Irgendwann werden Sie mir sicher erklären, was eine GmbH ist.“
Gospodin Schubert kennt sie alle noch von früher, als das „Haus der Deutschen Wirtschaft“ auf der Sankt Petersburger Wassili – Insel noch das Konsulat der DDR war. Er arbeitete schon damals hier. Gospodin Schubert ist unverzichtbar. Gospodin Schubert schwimmt in Sankt Petersburg wie ein Fisch im Wasser.

Deutsch sprach man gut auf der Wassili – Insel vor 100 Jahren. Der „deutsche“, der evangelisch-lutherische Friedhof ist hier. Ich mag alte Friedhöfe. Den Grabstein des russischen Außenministers Wladimir Nikolajewitsch Graf Lambsdorf entdecke ich.
Der F.D.P.-Politiker, Alexander Graf Lambsdorf wird einmal sein Publikum damit überraschen, dass es sich um seinen Ur-Urgroßonkel handelt.
Tatsächlich liegen auch mehrere Walthers hier begraben.
Ich finde sogar Ur-Urgroßtantchens Grab. Auch sie wohnte auf der Wassili – Insel, in der 6. Linie.

„Noch nie,“ – so schluchzt vor mir die alte Babuschka in der Cafeteria, der „Stolowaja“ an der Ecke, – „Noch nie habe solch entsetzliche Zeiten erlebt.“ Über 50 Jahre ihres Lebens hat sie für die Sowjetmacht gearbeitet und Marken geklebt. Jetzt ist sie siebzig und erhält die staatliche Mindestrente: Es sind 8,- Deutsche Mark, etwas über 4 Euro monatlich. Dafür kann man ein Kilo Butter in St. Petersburg kaufen oder 8 Liter Milch. „Eier-“ sagt sie und schlürft schluchzend an ihrem Glas Wasser, das sie sich an der Theke erbettelt hat, „Eier habe ich seit zwei Jahren nicht mehr gegessen. Fleisch sowieso nicht. Und ich würde verhungern, wenn mir meine Enkelin nicht Geld geben würde für das Brot.“
„Und wissen Sie,“ so sagt sie mit tränenerstickter Stimme. „Wissen Sie, womit meine Enkelin des Geld verdient? Sie ist… sie ist… “ Sie schreit fast über ihren Tränen: „Sie ist eine Prostitutka – eine Hure.“
Über 50 % seiner Limousinen der Luxusklasse verkauft Daimler-Benz in diesem Jahr 1993 nach Russland.
Zur Eröffnung der BMW-Niederlassung in Sankt Petersburg sind wir alle eingeladen. Wir, die Mitarbeiter des „Hauses der Deutschen Wirtschaft“, der deutschen Außenhandelskammer in der Stadt. Der Leiter der St. Petersburger Wirtschaftsförderung wird auch kommen. Er wird mit uns über zukünftige Investitionen sprechen wollen. Es ist ein gewisser Herr Wladimir Wladimirowitsch Putin.
„Ihr Eisen bitte !“ sagt der bullige Türsteher am Eingang des neuen BMW-Autohauses und ich verstehe nicht recht. „Du sollst ihm Dein Schießeisen abgeben,“ lacht Dascha, meine Kollegin, auf deutsch. Und so öffne ich das Jacket meines edlen Boss-Anzuges und lasse mich abtasten. Von vorn. Von hinten. Ich habe tatsächlich keine Makarow dabei. Ich darf hinein.
Meine Kollegin Dascha, eine junge Spätaussiedlerin aus Oberschlesien, hat wegen ihrer Sprachkenntnisse Achtung bei mir. Ich zitiere auf deutsch das Wort unseres einstigen Kaisers Karl des Vierten: „So viele Sprachen man spricht, so oft ist man Mensch.“ Entsetzt schaut sie mich an und antwortet, ebenfalls auf deutsch: „Wie Recht Du hast. Ich weiß selbst nicht mehr, wer ich bin.“
Unter den Vertretern deutscher Firmen halte ich mich an diesem Abend an ein Ehepaar aus einer ostdeutschen Kleinstadt. Sie sind beide fast 60 Jahre alt und ihr gemeinsamer Job in Russland war die Chance ihres Lebens. Ihr volkseigenes Kombinat habe irgend so ein junger Schnösel von der Treuhand abgewickelt, sagen sie. Fast alle Vertreter (west-)deutscher Firmen hier haben diesen oder einen ähnlichen persönlichen Hintergrund. Meist ist der Hintergrund aber nur ähnlich, denn meist sind hier einsame und trinkfeste Männer im Alter zwischen 50 und 60 Jahren aus der ehemaligen DDR. Mit einer adretten russischen Freundin, die vom Alter her fast immer die Tochter sein könnte, belagern sie das kalte Büffet.

Meine Wohnung habe ich auch auf der Wassili – Insel gefunden, in einem Plattenbau. Die Inhaberin, die für etwa 3,- Deutsche Mark monatlich von der Stadt gemietet hat, wird die nächsten Wochen auf ihre Hütte in Karelien, auf ihre Datsche ziehen. Für 150,- Deutsche Mark monatlich hat sie mir ihr Reich überlassen.
 „Ihr Ausländer,“ so sagt sie, „Ihr Ausländer wisst doch immer mehr als wir Russen selbst. Ist es wahr, dass der russische Präsident, dass Boris Jelzin Jude ist?“ Ich sage, dass ich dies noch nie gehört habe und dass dies auch sicher nicht wichtig sei.
„Es ist sehr wichtig.“ sagt sie. Und: „Warum wollen Sie mir einreden, dass das keine Rolle spiele? Sind Sie selbst Jude?“
Als ich allein bin, suche ich in meinem neuen Reich nach den Sicherungen. Es gibt keine. Nirgends in irgendeiner Wohnung in diesem Block gibt es Sicherungen für die elektrischen Anlagen. Sie sind eingespart. Links unten starren die ausgebrannten Fensterhöhlen aus einem der „Kwartiere“, rechts oben noch welche. Einen Kurzschluss muss es da wohl gegeben haben.

Bei der staatlichen Bank bin ich gewesen. 100.- Deutsche Mark habe ich in Rubel getauscht. Es sind etwa 100.000.-. Hätte ich mich wundern sollen darüber, dass mir nur kleine Scheine und nur vor 1989 herausgegebene ausgehändigt wurden?
Drei Tage später, am Montag verkündet der staatliche Rundfunk, dass sie nichts mehr gelten. Ja, richtig: Alle vor 1989 gedruckten Geldscheine haben ihre Eigenschaft als Zahlungsmittel verloren.
Wer davon besitzt, kann sie auf der Bank umtauschen, allerdings immer nur 50.000 Rubel, also 50,- deutsche Mark pro Person. Wer mehr davon hat, ist selber schuld.
Vor den Banken haben sich an diesem Montag seit 5.00 Uhr riesige Warteschlangen gebildet.
Die Banken öffnen um 9.00 Uhr. Etwa 9.15 Uhr sind die neuen Scheine alle vergeben. Nein, tut uns leid, da kann man leider nichts machen. Kommentatoren ausländischer Zeitungen haben dem Präsidenten Jelzin ins Stammbuch geschrieben, dass man so nie und nimmer das Vertrauen ausländischer Investoren gewinnen kann. Und Boris ist in sich gegangen. Er hat bestimmt, dass alte Scheine eins zu eins in neue umgetauscht werden können. Die Summe ist unbegrenzt, allerdings nicht für Russen, sondern nur für die Ausländer. Seit Dienstag morgen stehen die polnischen Wechsler an den Straßenecken. Sie bieten mir 1 neuen Rubel für 10 alte.

Der pensionierte Geschäftsführer der Industrie- und Handelskammer Hamburgs hat sich einen Jugendtraum erfüllt. Er hat sich ein eigenes Büro im „Haus der Deutschen Wirtschaft“ in St. Petersburg eingerichtet. „Mit 66 Jahren, …“ so singt er, „Mit 66 Jahren, da fängt das Leben an …“ Er besitzt einen Schatz im Keller. Eine Firma, ein Hamburger IHK-Mitglied hat ihn gespendet: Zwei Paletten Büchsen-Bier der Marke Holsten.

 „Holsten knallt am dollsten“ lacht er und reicht eine Büchse Bier aus für jeden. Heute zum Feierabend werden wir prassen, wir, die schieren Verschwender. Auf dem Schwarzmarkt Sankt Petersburgs bekäme jeder von uns für diese eine Büchse deutschen Export-Biers zwei Flaschen russischen Krimsekts.
Der deutsche Chef des St. Petersburger Edel-Restaurants „Möwe“ flucht. Eine halbe Million Dollar hat er von Deutschland aus auf sein Devisenkonto bei der russischen Staatsbank überwiesen. Und jetzt hat Boris Jelzin alle Devisenkonen gesperrt. Immer wenn der russische Staat vor der Zahlungsunfähigkeit steht, bedient er sich der Devisen derjenigen, die so dumm waren, ihre Dollar der Staatsbank anzuvertrauen. Vor der Zahlungsunfähigkeit steht der russische Staat immer öfter.
Millionen von Dollar, gestapelt in bar, in den doppelten Böden der Reisekoffer, fließen monatlich aus Russland auf Konten in der Schweiz, in Liechtenstein oder Luxemburg. Das ist nach russischem Strafrecht ein Verbrechen. Ein neureicher Russe aber, der mit seinen Dollar anders umgeht, ist ein Dummkopf. Wem ein russischer Staatsanwalt dann ein Strafverfahren beschert, weil die Bestechungsgelder nicht pünktlich geflossen sind, der ist ein armes Schwein. Niemand wird für seine Freilassung protestieren. Babuschkas, die seit zwei Jahren kein Ei mehr gegessen haben, schon gar nicht.
Einer deutschen Rechtsanwältin aus Naumburg habe ich mein Werk übergeben, eine Zusammenstellung aller derzeit geltenden Wirtschaftsgesetze in Russland. Sie hat es mir Korrektur gelesen und dieses und jenes noch verbessern können. „Wer sich an das geltende russische Recht hält, dessen Firma wird keine sieben Tage überleben?“, so frage ich. „Keine sieben Stunden.“ antwortet sie, ohne zu zögern.

Der lutherischen Kirchengemeinde in St. Petersburg ist die Peter-und-Pauls-Kirche zurückgegeben worden. Die Stadtverwaltung kann sie nicht recht brauchen. Das Hallenschwimmbad, das die Leningrader Stadtoberen einst daraus gemacht haben, taugt nicht recht zum Schwimmen.

Das Schwimmbecken, hinaufgezogen mit seinen Kachelwänden bis zur Empore, ist undicht.
Frau Maria Jepsen steht heute unter dem Sprungturm und feiert den ersten Gottesdienst. In den U-Bahn-Stationen stehen Menschen in langen weißen Gewändern und verteilen Flugblätter. Sie sind Anhänger von Maria Dewicz, einer ehemaligen Agit-Prop-Sekretärin des Leninschen Komsomol. Maria Dewicz ist offenbart worden, dass sie am 25. November diesen Jahres und in unbefleckter Empfängnis den Sohn Gottes gebären würde. Der würde dann Gericht halten über die Stadt. Und dann werde die Welt untergehen. Ihre Anhänger, lauter junge Menschen, werden von Woche zu Woche mehr. Ist nicht offensichtlich, dass es so nicht weiter gehen kann …?

„Drei Monate waren Sie jetzt hier,“ so sagt mir der Leiter der Deutschen Außenhandelskammer,

als er mir mein Zeugnis ausstellt. „Wenn ein Freund Sie fragen würde, wo in Russland sollte ich mein Geld investieren? – Was würden Sie raten?“. „Wenn er ein wirklich guter Freund ist,“ – so antworte ich, ohne zu überlegen „Wenn er ein wirklich guter Freund ist, dann würde ich ihm raten, sein Geld lieber zu verschenken, als es hier in eine Firma zu investieren.“
 Was mein damaliger Chef mir darauf antwortete, gehört nicht auf eine Webseite.