1985 – vom Ostermahl

Aus dem Buch Schemot ( שְׁמוֹת), = (hebr.)(Dies sind) die Namen“ = dem Buch Exodus (ξοδος) = (altgriech.) „Der Auszug“ = dem 2. Buch Mose

Kapitel 12, Verse 11 ff.,

„Um eure Lenden sollt ihr gegürtet sein und eure Schuhe an euren Füßen haben und den Stab in der Hand und sollt essen als die, die hinweg eilen; es ist des HERRN Passa. Sieben Tage sollt ihr ungesäuertes Brot essen. Denn eben an diesem Tage habe ich eure Scharen aus Ägyptenland geführt.“


Gott, mein Gott, ich will nur noch schlafen. Das mag wohl die Frühjahrsmüdigkeit sein. Wärmer wird es draußen vor den Fenstern der Justizvollzugsanstalt in Cottbus. Bald ist Ostern. Ich bin so müde, dass ich nicht einmal fasten will. Vor einem Jahr noch, in der Untersuchungshaft, hatte ich mich so streng daran gehalten. Freitags hatte ich keinen Bissen gegessen. Und keinen Schluck getrunken. Jeden Freitag. Bis Ostern. Und Du Gott, hattest mich dafür mit einem klaren Kopf beschenkt. Ich hatte fast alles richtig gemacht in den Vernehmungen durch die Offiziere des Ministeriums für Staatssicherheit. Danke.

Aber nun? Nichts hängt mehr ab von meinem Verhalten.
Nichts.
Die Arbeit verweigern oder Arbeiten?
Arrest oder nicht Arrest?
Einzelhaft oder Gesellschaft?
Hungern oder Essen?
Schreien oder Schweigen?

Auf die Länge meiner Haft hat es keinen Einfluss. Keinen.

Jeden Mittag habe ich nun zur Spätschicht auszurücken. Oder jeden Morgen zur Frühschicht.

Von gusseisernen Teilen habe ich den Grat abzufeilen. Eine geschäftstüchtige Frau in Fürth bei Nürnberg wartet schon auf die neuen Diaprojektoren.

Diese Woche ist Frühschicht. Das wird wohl auch diesen Morgen so sein: 4.30 Uhr ist Wecken. 5.00 Uhr ist Ausrücken in den Speisesaal. Zum Einnehmen dieser ekelhaften Pudding-Suppe, die sie ohne jede Milch gekocht haben. Die es gibt anstelle eines Stück Brotes, gebacken mit ordentlicher Hefe.

Dann wird es wohl wieder zur Arbeit gehen. Und ich will nur noch schlafen.

„Strafgefangener Walther“ befiehlt der Gefängnisaufseher, der an diesem Morgen die Zelle öffnet. „Strafgefangener Walther, Sie bleiben auf Verwahrraum. Sie bekommen später Frühstück.

Dann läuft alles rasend schnell. In meinem Fach im Schrank habe ich zwei Stapel. Matthias sage ich, dass ich ihm die Rasierklingen, die Rasierseife und das Haarwaschmittel vermache. Er hat niemanden, der ihm so etwas schickt. Den Kunsthonig, so sage ich meinem Freund Hubert, den DDR-Brotaufstrich, an den sich zwanzig Jahre später kaum noch jemand erinnern wird, werde ich in sein Fach stellen. Und den Zucker und das Milchpulver und die Vitamintabletten. Das Gefängnisgeld gebe ich im gleich. Mit dem Brustbeutel, den ich mir aus dem Innenleder eines Stiefels genäht habe. Weder er noch ich wissen, dass er mir in vier Wochen folgen wird. Und für das alles brauche ich keine Minute.

„Du hast es gewusst?“ fragt einer meiner Mitgefangenen. Ich zucke mit den Schultern: „Wir wissen es doch alle.“ Irgendwann gegen 8 Uhr, nach drei Stunden allein auf der Zelle, bringt mir ein Kalfaktor die Pudding-Suppe. Sie ist ein Genuss. Sie schmeckt so süß. Ungesäuertes Brot, das Brot, das ohne Sauerteig gebacken ist, schmeckt so. Genau so. Nicht jedes natürlich, sondern nur das eine. Das Mose und Aaron gegessen haben, bevor sie gehen konnten aus Ägypten, aus dem Sklavenhaus.

Der Lastkraftwagen W50 mit den acht kleinen Gefängniszellen im Heckaufbau fährt mittags. Wir sind sechs Gefangene, die einzusteigen haben. Ich kenne niemanden der anderen fünf. Sie sagen uns nicht, wohin es geht. Wir wissen es alle. Wir fahren nach Chemnitz, in die Untersuchungshaftanstalt des Ministeriums für Staatssicherheit auf dem Kaßberg.

In Chemnitz angekommen, dauert es dann. Eine ganze Woche dauert die Fragerei. Viel zu lange. Was sie alles wissen wollen. Kinder? Mietschulden? Sonstige Verbindlichkeiten in der Deutschen Demokratischen Republik?

Nichts.
Nichts.
Nichts.

Ich bin vierundzwanzig Jahre alt, ledig und „ledig“ leitet sich her aus dem althochdeutschen Wort für „Ohne Verbindlichkeiten“.

„Ihre Ersparnisse aus Ihrer Tätigkeit in der Justizvollzugseinrichtung in Cottbus betragen achtundsechzig Mark der Deutschen Notenbank der Deutschen Demokratischen Republik und achtzehn Pfennige.“ sagt der Offizier. Es ist vergleichsweise viel Geld. Verglichen jedenfalls mit der kurzen Zeit, die ich in Cottbus überhaupt gearbeitet habe und nicht auf Arrest war. Immer wieder hatten sie mich in Cottbus bestraft. Sie hatten mir Geld des Monatsverdienstes von etwa vierzig Mark nicht ausgezahlt, sondern zu den Ersparnissen gebucht. Und da liegen sie nun, die Gelder für den Tag, an dem der Sträfling aus der Haft entlassen wird.

„Es kann möglich sein,“ so sagt der Offizier der Staatssicherheit, „Es kann möglich sein, dass das Ministerium Sie aus der Staatsbürgerschaft der DDR entlässt. Dann wird es Ihnen nach dem Devisengesetz der Deutschen Demokratischen Republik nicht gestattet sein, das Geld bei Ihrer Ausreise aus unserem Staat mit sich zu führen. Möchten Sie im reichhaltigen Angebot unserer Einrichtung Einkäufe tätigen ?

„Ja.“ sage ich, ich müsse ja. Ich brauche dreimal Unterwäsche und drei paar neue Socken, außerdem einen dünneren Pullover. Es war Winter, als sie mich im vorigen Januar verhaftet hatten. Und jetzt ist bald Ostern. Dass im Westen, in Gießen eine ganze Kleiderkammer mit den abgelegten Sachen der westdeutschen Wohlstandsbürger auf mich wartet, weiß ich noch nicht. Und wenn ich es wüsste, ich würde sicher nicht anders handeln. Für den Rest des Geldes brauche ich Milchpulver und eine Hartwurst und dann ist es auch schon alle.

Auf dem Hof der Untersuchungshaftanstalt steht heute der ganz normale Mercedes-Reisebus mit dem westdeutschen, dem Giessener Kennzeichen.

Wir sind etwas über dreißig Männer und vier Frauen, die unter der Aufsicht von zwei, mit Maschinenpistolen bewaffneten, Wachsoldaten einzusteigen haben. Dass die beiden Zivilisten, die ebenfalls mit uns einsteigen, nicht zu uns gehören, sieht man ihnen an der Nasenspitze an. „Bei Fluchtversuch wird geschossen.“ belehrt uns der Leiter der kleinen Truppe.

Unsere Entlassung aus der Staatsbürgerschaft scheint also vonstatten gegangen zu sein.

Und jetzt werden wir außer Landes geschoben.

Wie man das halt so macht mit diesen straffällig gewordenen Ausländern. Und der Leiter der kleinen Truppe ist ungeheuer wichtig.

Ausgesetzt sind uns unsere Reststrafen, zu denen sie uns verurteilt hatten. Verurteilt wegen all unserer Versuche, in den Westen zu gelangen. Ausgesetzt. „Zur Bewährung“, wie die Kommunisten in ihre Justizakten schreiben.

Diese Komiker. Auf der Autobahn vom Hermsdorfer Kreuz nach Frankfurt am Main sind wir kurz vor der hessischen Grenze. Es ist alles schon Sperrgebiet hier. Drohend ragen die Wachtürme der Grenztruppen der Nationalen Volksarmee in den Himmel. Links neben uns liegen Panzersperren.

Der unscheinbare Personenkraftwagen vor uns blinkt mit beiden Lichtern und hält an. Dann halten auch wir auf dem Standstreifen. Die beiden Zivilisten im Bus steigen aus und in den PKW ein. Wir fahren wieder.

Wir fahren weiter. Ohne Halt. Ohne Kontrolle. Von Deutschland nach Deutschland.

Wir fahren mit 80 Kilometern in der Stunde durch die Grenzabfertigungsanlage Wartha weiter nach Herleshausen. Ich kann den Tachometer sehen, ich sitze hinter dem Busfahrer.

„Jetzt sin mer drübbe.“ sagt der dicke Hesse am Lenkrad.

Auf dem nächsten Rastplatz, gleich beim westdeutschen Bundesgrenzschutz, macht er halt. „Kaffeepause“ ruft er. Er hat für jeden von uns ein Trinkpäckchen und belegte Brötchen dabei. Peinlich. Als ob ich wirklich gefastet hätte. Es ist, als sei der Bus in einen Taubenschlag verwandelt. Über 30 Männer und vier Frauen. Und jeder hat jeden etwas zu fragen. Nach Haftkameraden, nach Freunden.

Wir fahren. Und der Himmel ist so blau wie zu Hause. Und das Gras ist nicht grüner.

„Das werde se bald merke, dass der Westen au ned des gelobte Land is, in dem Milch und Honig aus de Bäche fließe.“ sagt der dicke Hesse am Steuer vor mir und schaut kurz rückwärts über die Schulter.

„In Ägypten, im Sklavenhaus, gab es weder Milch noch Honig.“ sage ich.

„Mose hadd au in Ägypten Honig gefresse.“ brabbelt der Busfahrer. „Un von denne, die in Ägypten keen Honig hadde, hadde de meiste ihrer Kinder dann in Palästina au keen…“ fügt er hinzu. Er erzählt und erzählt. Und ich höre. Er hat halt seine Sorgen.

In Gießen werde ich aussteigen, in der Hand eine Papiertüte. Darin zweimal Unterwäsche und zwei paar Socken, das Winterfutter aus dem Parka, die alte lange Unterhose und den dicken alten Winterpullover. Weiter gehört mir noch das, was ich auf dem Leib trage. Der neue Pullover, die alte Hose, der Parka selbst und in dessen Taschen zwei Tafeln Schokolade.

Ich bin 24 Jahre alt, ich habe drei Jahre Gefängnis hinter mir und das Leben vor mir.